Anonymer Samstag #3 Ich konnte mein Kind nicht lieben

8. Juli 2017

Diesen Samstag gibt es einen weiteren anonymen Beitrag einer Leserin, mittlerweile zweifache Mutter zweier Prinzessinnen.



Franciska schreibt:

"Als ich vor 4 Jahren zum ersten Mal schwanger wurde, freute ich mich sehr auf mein Kind. Jedes kleine Stück was ich für sie kaufte machte mich glücklich und umso größer der Bauch wurde, um so stolzer zeigte ich ihn der Öffentlichkeit.
Doch, als der Tag der Geburt dann kam, wurde alles anders, als wir doch geplant hatten. Aus der natürlichen Spontangeburt wurde ein Notkaiserschnitt. Da meine Prinzessin nicht durch mein Becken passte musste sie nach 8 Stunden im OP Saal zur Welt kommen. Ich bekam davon leider überhaupt nichts mit, denn ich war in Vollnarkose und brauchte sehr lange um wieder einigermaßen klar zu werden. Als ich dann wach wurde schmerzte mir mein Bauch. Mein Mann kam mit unserer Tochter herein und legte sie mir auf die Brust. Und da war es. Nichts, einfach nichts. Ich erwartete Glücksgefühle, Tränen vor Freude, doch nichts passierte. Ich war erleichtert, dass es ihr gut ging und sie ein ganz gesundes Mädchen von 3480g war. Dann dachte ich mir, vielleicht kommt das Gefühl noch. Ich versuchte am nächsten Tag zu stillen, am gleichen Tag der Geburt sollte ich es nicht. Daran hielt ich mich, aber am nächsten Tag passierte nichts. Keine Milch und meine Tochter schrie aus voller Kehle. Das machte mich fertig, ich konnte ihr Schreien kaum ertragen. Also gab ich ihr die Flasche. Auch die weiteren Tage kümmerte ich mich gut um sie, aber das Gefühl? Es blieb aus.
Wir gingen irgendwann nach Hause, ich dachte, erst einmal zuhause, dann wird alles anders. Aber dem war nicht so. Auch weiterhin stellten sich keine Glücksgefühle und keine Muttergefühle ein. Versteh mich nicht falsch, sie war ein bezauberndes Baby, dass sagte mir jeder. Aber die Wochen und Monate vergingen und an meinen Gefühlen änderte sich nichts. Bis ich mir eingestand, ich kann mein Kind nicht lieben.
5 Monaten nach der Geburt suchte ich mir endlich Hilfe. Ich ging heimlich statt zum Pekip zur Therapeutin. Erzählt habe ich bis heute niemanden davon. Aber die Therapeutin konnte mir helfen, denn was ich nicht wusste war, dass ich unter dem Geburtstrauma litt. Stück für Stück haben wir zusammen die Geburt aufgearbeitet und irgendwann kam dann der Tag. Der Tag an dem ich meine kleine Prinzessin ansah und glücklich war, ich nahm sie fest in die Arme und mir liefen die Tränen. Meine Tochter gluckste zufrieden und für mich war es das schönste Gefühl, dass man sich nur vorstellen kann.
Vor drei Monaten kam unsere zweite Tochter mit einem geplanten Kaiserschnitt zur Welt. Mit ihr war von Anfang an alles anders. Aber ich bin so froh, den Schritt zur Therapeutin gemacht zu haben und mir damals eingestand, dass ich Hilfe brauchte. Das möchte ich auch euren Lesern raten. Holt euch Hilfe, wenn ihr merkt, dass es anders ist, als ihr euch vorgestellt habt. Um so eher, um so besser!"

Wir lassen diese Texte ganz bewusst unkommentiert, scheut euch aber nicht in den Kommentaren eure Meinungen, Ratschläge, eigene Erfahrungen etc. kund zu tun. Ihr könnt auch anonym kommentieren. Nur um eines möchten wir euch bitten, bleibt bei einem höflichen Ton.

Hast auch du etwas, was du dringend einmal los werden möchtest? Dann schreib uns eine Email blog@lalemie.de

Kommentare

  1. Danke für so ehrliche Worte! Ich hatte bei meinem ersten Sohn auch eine ganz schwere Geburt und ich hab mir keine Hilfe gesucht. Brauchte fast ein Jahr, bis ich sagen konnte: Ja, das passt so! Allerdings so richtig hab ich es erst in der zweiten SS verarbeitet, als ich einen Termin im Krankenhaus ausgemacht hab und mit einer Hebamme meinen Geburtsbericht durchgegangen bin. Ich hatte mir selbst die Schuld an der ganzen Misere gegeben und ich hörte: Nein! Es ist nicht deine Schuld gewesen! Das war Heilung für meine Seele.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Anna,
      es ist schön zu hören, dass unsere anonymen Samstage auch andere Frauen und Männer in ähnlichen Situationen oder mit ähnlichen Problemen erreicht.
      Was Franciska ganz klar sagt, man sollte sich diese Gefühle oder Gedanken eingestehen und sich Hilfe holen.
      Es ist schön, dass du mit deiner Hebamme dein Erlebnis aufarbeiten konntest. Ich drück dich und wünsche dir weiterhin alles Gute!

      Liebe Grüße Melanie

      Löschen

Powered by Blogger.