Bedürfnisorientierte Erziehung hat seine Grenzen

15. Juli 2017
Bedürfnisorientierte Erziehung hat seine Grenzen

Noch vor der Geburt habe ich viel gelesen, viele Blogs und Websites. Dabei bin ich auf die bedürfnisorientierte Erziehung gestoßen, die mehr auf Beziehung als auf Erziehung setzt. Und ich las mich in dieses Thema ein und ich stimmte in allen Punkten zu. So möchte ich nun auch meine Kinder begleiten und aufziehen.



Und im Grunde war ich völlig überzeugt, so wie ich es mache, ist es richtig. Doch ein Gespräch mit meinem Mann brachte mir ein wenig Ernüchterung.

"Du musst ihn nun langsam mal von dir lösen. Er sollte in seinem eigenen Bett schlafen und du musst auch nicht immer gleich los sprinten, wenn er ruft."
"Nun, er braucht mich eben noch ganz stark. Ohne mich schläft er nicht und nach mir rufen lassen, nein, das mag ich auch nicht!"
"Deine Bedürfnisorientiertheit hat irgendwo auch Grenzen, du bist nur noch müde und schaffst kaum noch das, was du dir vornimmst. Das kann so nicht richtig sein!"
"Kinder sind eben nicht einfach!"
"Du hast aber ein 24-Stunden-Kind und du bist alleine, ich kann dir leider nicht so viel helfen, wie ich möchte."
"Also denkst du eine bedürfnisorientiere Erziehung ist nichts für Alleinerziehende?"
"Nicht unbedingt, aber in deinem Fall, eben nicht das Patentrezept. Was bringt es dem Kind, wenn es der Mutter nicht gut geht?"

Und zack, da war ich auf dem Boden der Tatsachen. Was ich nicht bedachte und auch jetzt erst lerne, auch die Bedürfnisse der Eltern sind wichtig. Uns Eltern muss es auch gut gehen, damit es den Kindern gut gehen kann.

Nun muss ich mich erst einmal neu orientieren. Nach dem Umzug soll sich das ein oder andere ändern, z.B. möchte ich versuchen ihn an sein eigenes Bett zu gewöhnen. Wir haben in der neuen Wohnung kein Schlafzimmer mehr und ich brauche langsam auch mal wieder etwas Zeit für mich. Denn im Normalfall geht die Zeit des Mittagsschlafes, wenn ich mich denn aus dem Schlafzimmer schleichen konnte, für den Haushalt drauf und dann wird erst wieder geschlafen, wenn Mama auch schlafen geht.

Ich bin gerne Vollzeitmama, doch das bedeutet nicht, dass ich nicht auch mal eine Stunde für mich haben sollte. Denn ich bin auch noch ich und wenn ich über meine Grenzen hinaus gehe, dann werde ich meinen Kindern irgendwann auch nicht mehr gerecht werden können und keiner hat dadurch einen Vorteil.

Für mich ist die bedürfnisorientiere Erziehung immer noch der richtige Weg, aber eben auch mit meinen Bedürfnissen verknüpft. Für diese Erkenntnis habe ich einige Zeit gebraucht, aber nun kann es ja nur noch besser werden!

Wie handhabt ihr das, nehmt ihr euch eure Auszeiten? Habt ihr eventuell sogar Tipps für mich? Ich freue mich sehr über eure Kommentare.


Kommentare

  1. Hallo Melanie,
    ich bin absolut von "bedürfnisorientiert" überzeugt. Auch als Vollzeitmama (Selbstbetreuer, wobei die Älteste seit diesem Jahr 8 - 12 in der Schule ist) ohne viel Hilfe (der Papa arbeitet viel, Omas oder Babysitter gibt es hier nicht greifbar) von Dreien (3,4,8). Und vermutlich sogar etwas radikaler als die Meisten (darüber mehr auf meinem Blog).

    Aber ich bin auch fest davon überzeugt, dass sich "bedürfnisorientiert" nicht nur auf die Kinder bezieht. Vielmehr geht es um alle Bedürfnisse. Die von Neugeborenen lassen sich schlecht aufschieben, doch je älter die Kinder werden und je mehr sich das gemeinsame Leben einspielt, desto mehr geht es darum die Bedürfnisse aller im Blick zu behalten. Und gelingt das mal mehr und mal weniger gut. Der große Nachteil dieses Ansatzes ist nämlich meiner Meinung, dass gewissermaßen jede Situation jederzeit neu gestaltet wird, sobald sich irgendetwas ändert. Und mit Kindern ändert sich ja ständig irgendetwas, so dass wir ständig am nachjustieren sind, was natürlich Kraft kostet.

    Trotzdem erzähle ich dir gerne von den Dingen, die bei uns gut funktionieren:
    - Hausarbeit erledige ich mit den Kindern bzw. parallel zu ihrem Spiel (und nur das absolute Minimum): sie sollen es erleben und immer wieder mal mithelfen (auch wenn es Zeit und Nerven kostet), so lernen sie fürs Leben und ich habe ihre Schlafenszeit für mich. Mittlerweile sind sie tatsächlich eine Hilfe. Außerdem finden sie es oft nach einer Weile langweilig, beginnen zu spielen und ich kann dann noch gemütlich eine Runde alleine in der Küche sitzen
    - Wenn dein Kleiner abends erst mit dir einschläft vielleicht den Mittagsschlaf abgewöhnen/ verkürzen, damit du abends eine Weile für dich hast
    - tagsüber soviel Bewegung und Frische Luft wie möglich, damit er abends müde ist
    - Dinge mit Kind machen, die deine Energie auffüllen: sei es Freundinnen besuchen wo die Kinder wunderbar miteinander spielen, sei es etwas mit dem Kind machen, was dein Hobby ist (bei uns ist das z.B. Backen, Gärtner, Nebeneinander malen bzw. ich trinke Kaffee, hänge meinen Gedanken nach und schaue zu, im Bett kuscheln und vorlesen oder Hörspiel hören ...)
    - Orte besuchen, wo dein Kleiner gut beschäftigt ist und du dich super wohlfühlst (bei uns ist das im Wald, am Strand, im Zoo, in der Bibliothek, ...)
    ...
    Als es bei uns ganz stressig war, hatte ich eine Liste mit solchen Ideen am Kühlschrank und das Tagesziel, möglichst viele Dinge mit den Kindern zu machen, die mir guttun. Eine Weile hab ich da bewusst drauf geachtet und mittlerweile ist es für uns einfach völlig normal, dass alle Bedürfnisse wichtig sind. Z.B. auch mein Bedürfniss gelegentlich eine halbe Stunde einfach in Ruhe meinen Kaffee zu trinken. Und meine Kinder bemühen sich, meine Bedürfnisse auch zu beachten. Weil es für sie ganz selbstverständlich ist, dass sowas wichtig ist und weil wir darüber auch mit ihnen sprechen: "Schau mal, wie müde Papa aussieht. Er hatte sicher einen anstrengenden Tag. Wollen wir ihn jetzt erstmal etwas in Ruhe lassen und leise im Kinderzimmer spielen?" Es ist für alle ein Lernprozess und dauert seine Zeit, aber es ist es wert! Viel Glück damit und schreib mir gerne eine Mail, wenn du mehr Tipps brauchst.
    Viele Grüße,
    Maria von OstSeeRäuberBande

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    1. Hallo Maria,
      vielen Dank für die tollen Tipps. Das Problem mit dem Mittagsschlaf ist, dass er ihn so lange hinauszögert bis er nicht mehr kann. Also so gegen 17.00 -17.30 und dann bekommen ihn leider keine 10 Zebras mehr wach. Wenn ich mir dann aber denke, ok, macht nix. Dann steht er eben morgen früh früher auf, Pustekuchen! Nach einer Stunde ist er wieder wach und dann bekomme ich ihn bis ich ins Bett gehe auch nicht mehr zu schlafen.
      Mit der Hausarbeit klappt es mit ihm soweit, klar, ich räume an der einen Seite auf und er wirft mir auf der anderen Seite wieder alles durcheinander. Aber das macht mir weniger. Im Moment ist es der Umzug, den ich alleine organisiere und wo ich einfach nicht zum streichen oder Kisten packen komme, da er nicht ohne mich sein kann.
      Daher will ich das auch alles erst nach dem Umzug und wenn er etwas angekommen ist, etwas ändern. Es ist nicht so, dass ich das ganze Erziehungsbild über den Haufen werfen möchte, nur ein kleines bisschen noch ich sein oder wieder werden.
      Mir ging es mit diesem Artikel in erster Linie darum auch anderen Eltern zu sagen, ihr müsst euch nicht für eure Kinder aufgeben.

      Ich werde dich auf dem Laufenden halten ;)
      Ganz liebe Grüße Melanie

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