Anonymer Samstag #1 Ich habe mein Kind abgetrieben

17. Juni 2017
Eltern erzählen - Anonymer Samstag

Eine Email erreichte uns vor ein paar Tagen, was uns zum Anlass gab, den anonymen Samstag ins Leben zu rufen. Hier könnt ihr eure Geschichte, eure Beichte, eure Erfahrung mitteilen, oder einfach mal über etwas meckern, was ihr sonst nicht könnt.


Sandra schreibt:

"Ich habe das bisher noch niemanden sagen können, daher schreibe ich dir das nun anonym. Du kannst das gerne auf eurem Blog teilen. Ich muss es einfach sagen, ich gehe daran Stück für Stück kaputt und ich habe niemanden mit dem ich darüber sprechen kann.
Als ich 16 war habe ich mein Kind abgetrieben. Ich hatte keine Perspektive, ich hatte nich einmal einen Schulabschluss. Mittlerweile habe ich aber meine Mittlere Reife. Mein Freund war, nun wie soll ich es sagen, nicht der verantwortungsbewusste Typ. Er hat Drogen genommen, war ständig feiern. Ich war natürlich ständig dabei. Ich habe mich einfach nicht in der Lage gesheen, ein Kind zu erziehen. Ich habe mich nicht als gute Mutter sehen können. Doch bin ich an diesem Tag im Mai mit ziemlichen Gewissensbissen zu diesem Termin gegangen. Einige Tage vorher saß ich bei der Beratung und habe Wasserfälle geweint. Es tat mir so leid, aber ich habe keine andere Möglichkeit für mich gesehen. Ich konnte dieses Kind nicht bekommen. Schon als ich bei der Frauenärztin saß, bekam ich Bauchschmerzen. Beim Ultraschall sah ich nicht hin, doch dann machte sie den Ton an und ich hörte das kleine Herzchen schlagen. Ich war vollkommen fertig und auch die nächsten Tage nicht ansprechbar. Ich zog mich zurück und weinte einfach nur, weil ich wusste, dass ich diesem kleinen Wesen so oder so nur Schaden zu füge. Doch an diesem Tag im Mai als ich dort saß, waren plötzlich alle Gewissensbisse fort. Ich fühlte mich auf einmal besser, ja regelrecht frei. Ich wusste in diesem Augenblick, dass ich die richtige Wahl treffe. Nach dem Eingriff war mir ganz schlecht, ich fuhr mit dem Taxi nach Hause und weinte ganze zwei Tage. Dann war alles weg. Ich war frei von schlechten Gedanken und fühlte mich wieder besser.
Nun bin ich 24 und in der 17 Woche schwanger. Ich bin mitlerweile verheiratet mit dem besten Mann, den ich mir denken kann. Doch nun kommen meine Gedanken wieder. Denn ich hätte jetzt bereits ein Kind und ich denke mir nun, hätte ich das nicht schaffen können? Irgendwie bekommt man es doch hin, oder? Mein schlechtes Gewissen ist also wieder da. Dieses Kind darf nun leben und dem anderen habe ich es genommen. Werde ich nun eine gute Mutter? Wie soll ich damit umgehen dieses kleine Wesen in mir zu haben und sehen zu dürfen, wo ich mein erstes nicht angesehen habe. ich muss mich von diesen Gedanken befreien und hoffe, dass ich jetzt wo ich mir das endlich einmal von der Seele geschrieben habe, zur Ruhe komme und aufhöre mit den Selbstvorwürfen."

Wir lassen diese Texte ganz bewusst unkommentiert, scheut euch aber nicht in den Kommentaren eure Meinungen, Ratschläge, eigene Erfahrungen etc. kund zu tun. Ihr könnt auch anonym kommentieren. Nur um eines möchten wir euch bitten, bleibt bei einem höflichen Ton.

Hast auch du etwas, was du dringend einmal los werden möchtest? Dann schreib uns eine Email blog@lalemie.de


Kommentare

  1. Ich kann es gar nicht kommentieren. So eine Wahl musste ich zum Glück nie treffen. Ich wünsche, dass die Autorin ihre neue Chance annehmen kann, denn zurück geht nicht mehr und in der Zukunft hat sie ein Kind, dass seine Mama braucht. Ich würde mir nie ein Urteil erlauben und habe nur gute Wünsche.
    LG

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    1. Vielen lieben Dank für deinen Kommentar. LG

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  2. Wie kann man nur? Ich kann so etwas überhaupt nicht verstehen. Wenn man kein Kind will, dann verhütet man und bringt es nicht einfach um! Schlimm sowas!! Kein Verständnis dafür...

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    1. Sorry, das ist der dümmste Kommentar, den ich auf sowas geben kann. Es gibt keine 100%ige Verhütungsmethode. Sei froh, dass dir dies noch nie passiert ist!!!

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  3. Ich muss ehrlich sagen, ich bin gegen Abtreibung! Einfach aus dem Grund, das für mich das kein Zellklumpen ist, sondern neues Leben und zum Zweiten, eben wegen der psychischen Folgen für die Frauen, die wirklich niemand interessiert! Es ist furchtbar. Wer abgetrieben hat, muss mit den Folgen leben- so die allgemein gültige Version der Gesellschaft. Schrecklich!
    Ich kenne mittlerweile mehrere Frauen, die abgetrieben haben. Alle haben die Selben Gedanken: Was wäre wenn...
    Den "Vätern" ist das meistens recht egal, oder ermutigen die Frau sogar noch zum abtreiben, weil sie nur die finanzielle Komponente sehen und die Verantwortung die sie nicht wahrnehmen wollen/können. Aber die Auswirkungen auf den Körper und die Psyche der Frau ist ihnen egal, bzw. bekommen sie nicht zu spüren. Damit muss die Frau/ Mutter selbst klar kommen... Traurig.
    Ich persönlich bin der Ansicht, ein Kind kann man IMMER bekommen. Wenn man es wirklich nicht will, oder nicht versorgen kann, besteht ja immer noch die Möglichkeit es zur Adoption frei zu geben. Aber das ist hier nicht das Thema.

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    1. Ja, das wäre wenn... Es ist richtig wie du geschrieben hast, eine Frau muss damit ihr Leben lang umgehen. Die Gedanken sind mit dem Schwangerschaftsabbruch nicht einfach verschwunden und sicherlich gibt es immer eine Möglichkeit.
      Aber eines möchte ich sagen, ich bin froh in einem Land zu leben, in dem die Frau das selber für sich und das Kind entscheiden darf.
      Ich danke dir für deinen Kommentar!

      Liebe Grüße Melanie

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